Diskussionsbeitrag
Der Naturvertrag braucht ressourcenschonende Konsummuster
Textauszug aus "Ausstieg aus dem Crash"
Die umwälzenden Veränderungen in unserem Weltverhältnis, die mit der Industriegesellschaft über uns gekommen sind, lassen sich nicht nur im Blick auf die ferne Vergangenheit rekonstruieren, sondern sie waren auch innerhalb der Lebenszeit der heute Lebenden zu beobachten. Es ist äußerst wichtig, die langsam schwindenden Erinnerungen an das Leben vor der Industrialisierung der Landwirtschaft zu erhalten und für den Rückweg in die Zukunft zu nutzen.
Dazu gehört auch das Gefühl dafür, wie schnell und ohne den geringsten Gedanken an die weitreichenden Konsequenzen ein umwälzend neues Ökologiemuster eingeführt wurde. In einem Aufsatz, der sich mit den radikalen Veränderungen der Lebensweise nach der Einführung des billigen und „unbegrenzt“ verfügbaren Erdöls ab 1950 in der Schweiz befasst, kommt Christian Pfister bei der Betrachtung einer Landschaft auf einem Luftbild aus der Zeit um 1950 zu dem Schluss, „dass damals, wenn auch mit höherem Arbeitskräfteeinsatz, ökologisch gewirtschaftet wurde, mit maßvollem Düngereinsatz, ohne Traktoren und Pestizide. Noch in den 1950er Jahren wurden die Maikäfer wie 1750 eingesammelt und als Hühnerfutter verwendet. Dann wurden von 1960 an Insektizide eingesetzt.“
Weiterhin beschreibt er die Veränderungen in den Werten, Einstellungen und im Lebensstil, die mit der Ölwelle über das Land kamen:
- Das Innovationsverhalten orientierte sich einseitig an der Einsparung von Zeit und Arbeit auf Kosten von Energie und Materialien.
- Ressourcenschonende Konsummuster und Verhaltensweisen (Mobilität!) verloren zunehmend an Bedeutung und prägender Kraft, weil ihr Sinn und ihre Funktion nicht mehr einsehbar waren.
In einer CO2-Wirtschaft wird sich der umgekehrte Prozess in Bewegung setzen:
Das Innovationsverhalten wird sich auf die Einsparung von Energie und Materialien richten, statt auf die Einsparung von Zeit und Arbeit.
Ressourcenschonende Konsummuster und Verhaltensweisen werden wieder an Bedeutung gewinnen und das Verhalten prägen, weil ihr Sinn und ihre Funktion auch ohne Maßhalteappelle unmittelbar am begrenzten Budget zu erkennen ist.
Es ist damit zu rechnen, dass die Ausbeutung und Zerstörung von Gemeinsinn und Gemeinschaftseinrichtungen, die der kapitalistischen Marktwirtschaft eigen sind, aufgehalten und rückgängig gemacht werden.
Wenn das Leben wieder näher an die Gleichgewichtslinie heranrückt (wobei immer noch ein Sicherheitsabstand des zehn- bis fünfzehnfachen Grundbedarfs im Budget enthalten ist), wenn also der riesige Kapitalpuffer abschmilzt, mit dem jeder Hagelschlag und jede Schweinepest kompensiert werden kann, werden die sozialen Netze und die gemeinschaftlichen Bindungen, Nachbarschaftshilfen und Verwandtschaftsbeziehungen wieder wichtiger; d.h. ihr Fehlen wird nicht nur als gefühlsmäßige Verarmung empfunden, sondern auch als Mangel an Sicherheit und Stütze in Notlagen.
Für Menschen, die sich gerade von allen Bindungen befreit haben, wird es nicht einfach sein, das Sozialkapital wieder aufzubauen, das die Agrargesellschaft in reichem Maße, für unseren heutigen Geschmack vielleicht in überreichem Maß besaß. Aber es geht nicht um Restaurationen, sondern um die Neuerfindung von altbewährten Strukturen und Institutionen in einem neuen Kontext.
Zurück in den Schoß der Natur
Abgesehen von der eminent praktischen Seite der Solarwirtschaft – nämlich der Überlebensfrage – hat die Anbindung an eine Grenze eine tiefe Bedeutung, die die Stellung des Menschen in der Welt betrifft (und dies kann man, wenn man will, philosophisch, religiös oder metaphysisch auffassen):
Der Mensch kehrt damit kraft einer bewussten Entscheidung zurück in den Schoß der Natur. Er nutzt die ungeheure Macht, die ihm durch die Entwicklung seiner Intelligenz, seiner Geschicklichkeit und seiner Fähigkeit zur Kultur zugefallen ist, nicht mehr aus, um die übrige Natur bis auf den letzten Tropfen auszupressen, sondern um für die große Zahl seiner Artgenossen einen würdigen, ziemlich komfortablen, auf Dauer haltbaren Platz im Gewebe der Schöpfung zu finden.
Zusammenfassung
Die Anbindung unseres Ressourcenverbrauchs an einen begrenzten Vorrat bedeutet die Rückkehr des Menschen in den Schoß der Natur. Er unterstellt sich damit freiwillig wieder den Bedingungen, die prinzipiell für die Evolution aller Lebewesen gelten. Er verlässt den Irrweg des Industriekapitalismus, der bereits zu einer schweren Schädigung der Lebenserhaltungssysteme geführt hat und als Ökologiemuster ohnehin nur eine äußerst begrenzte Lebenserwartung hat.
Das Ökologiemuster, das dem Menschen noch eine lange Existenz auf der Erde ermöglichen könnte, ist die nachindustrielle Solarwirtschaft. Sie begrenzt ihren Energieverbrauch auf das Energieeinkommen von der Sonne.
Mit der heutigen, mit Hilfe der üppigen fossilen Brennstoffe aufgebauten Technik können Sonnenenergie, Wind- und vor allem Wasserkraft, die Potentiale, die von der Energieumwandlungsmaschine Atmosphäre zur Verfügung gestellt werden, mit viel höherem Wirkungsgrad genutzt werden. Die dabei gewonnene Energie lässt sich durch Umwandlung in Strom oder Wasserstoff dort und dann anbieten, wo und wann sie gebraucht wird. In dieser Hinsicht war die Agrargesellschaft äußerst beschränkt. Da die Solarwirtschaft diesen konstanten Energiestrom jedoch mit einer hochentwickelten Technik nutzen, speichern und transportieren kann, ermöglicht sie dem Menschen ein Niveau an Muße, Komfort und kultureller Entfaltung, das die kommenden Jahrhunderte zu einem goldenen Zeitalter machen könnte.
Bevor wir uns diesem Zeitalter nähern, müssen wir allerdings noch eine unerlässliche Voraussetzung schaffen: Die nachindustrielle Solarwirtschaft muss für alle Menschen erreichbar sein, nicht nur für das bisher begünstigte Fünftel.
(Lothar Mayer war Vorstandsvorsitzender der E.F. Schumacher-Gesellschaft von 1995–2001.)
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Autor: Lothar Mayer
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