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Diskussionsbeitrag

Ist Gier männlich?

Alternativen zur kapitalistischen Lebensgestaltung

Die Theologin Dr. Ina Prätorius fragt provokant: „ist Gier männlich?“ und liefert die Antwort sogleich nach: „Selbstverständlich ist Gier nicht männlich. Keine Eigenschaft gehört einfach zu einem Geschlecht, weder zu einem biologischen noch zu einem sozialen.“ Gier können Männer wie Frauen entwickeln. Gier nach Macht, Geld und Erfolg suchen wir eher bei Männern, die nach schönen Kleidern, Schmuck oder Schuhen eher bei Frauen. Aber diese Schwerpunkte können sich leicht und selbstverständlich austauschen. Die Frage „ist Gier männlich“, ist genauso wenig sinnvoll wie die oft gehörte Aussage, dass die Zukunft weiblich sei. Und schon hat Prätorius ihre Zuhörer in ihr eigentliches Thema gelockt. 

 

Die Aussage, dass die Zukunft weiblich sei bedeute nichts anderes als dass „wenn wir sinnvoll weiter leben wollen in dieser Welt, sollten wir bestimmte Tugenden oder Handlungsweisen kultivieren, die in der Vergangenheit im öffentlichen Leben nicht besonders hoch im Kurs standen: Handlungsweisen wie Kooperation, Vorsicht, Bedürfnis statt Profitorientierung, Fürsorge, Gewaltlosigkeit“. Diese Eigenschaften und Verhaltensweisen werden bisher eher Frauen als Männern zugeschrieben. Deswegen müssen Männer nicht weiblich werden, sondern schlicht diese Eigenschaften annehmen. Die Aussage, dass die Zukunft weiblich sei, enthält nach Prätorius mehrere Fallstricke. Einer ist, dass Männer es nicht für nötig halten, sich angeblich weibliche Tugenden anzueignen, weil Frauen das ja viel besser können. Auch das Gegenstück dazu ist gefährlich, wenn nämlich Frauen meinen, sie müssten nichts mehr lernen, weil sie das Wichtige schon können und zusätzlich ist es für Männer peinlich, wenn sie weiblich werden sollen. Prätorius fragt rhetorisch: „Ist aber der Welt gedient, wenn Männer sich schämen? Ist der Welt nicht mehr gedient mit Frauen und Männern, die vernünftig darüber entscheiden, was die Welt braucht und dann das Notwendige lernen und tun?“ 

 

Obwohl sie die Frage, ob Gier männlich sei, so kategorisch verneint hat, hält sie „diese Gedankenverbindung vom Geschlecht zu den sogenannt 'großen' politischen und wirtschaftlichen Zukunftsthemen“ für absolut notwendig. Üblicherweise wird die Geschlechterfrage von der allgemein politischen Debatte abgeschnitten und als „Frauenfrage“ behandelt. Da geht es dann um Gleichberechtigung, Kinderbetreuung, Familie oder Quoten. Das sind Themen, die sorgfältig von dem getrennt werden, was als allgemein gilt: Finanzpolitik, Ökologie, Frieden, Außenpolitik oder auch Kapitalismuskritik. Die Marxisten haben für diese Trennung den Ausdruck „Nebenwiderspruch“ geprägt. Der „Nebenwiderspruch Frauenfrage“, wird sich von selbst auflösen, wenn der Sozialismus oder spätestens der Kommunismus erreicht ist. Ein „Umfühlen, Umdenken, Umhandeln“ ist angesichts des Zustands unserer Erde dringend notwendig. Dass dieser Zustand – Klimakatastrophe, Artensterben und das tägliche Verhungern unzähliger Menschen – mit der Entwicklung unserer Kultur - besser wohl Unkultur – zusammenhängt, ist inzwischen erwiesen. Wenn wir in Würde weiterleben wollen, müssen wir diese Kultur, die Art unseres Zusammenlebens, ändern. Um zu erklären, was genau sich ändern soll, holt Prätorius weit aus und geht bis in die Antike zurück, bis zu Aristoteles und dessen Lehre vom Oikos. Dort seien nämlich der Mittelpunkt allen Produzierens, Tauschens und Handelns die Bedürfnisse des wirklichen Menschen und nicht das Geld und dessen Vermehrung. Allerdings könne man diese Lehre nicht gut als neutrales Handlungsmodell anbieten. Da würde man den Menschen empfehlen Minderwertiges zu tun. Man müsse schon „die Herrschaftsförmigkeit und Geschlechtsspezifik der Lehre vom Oikos“ beachten. Aristoteles war ein freier athenischer Bürger. Deren Aufgaben waren die Organisation des Staates, Politik und Philosophie. Die materiellen Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen, war weit unter ihrer Würde, das war Aufgabe der Frauen und Sklaven. 

 

Selbst wenn sich seit Aristoteles einiges geändert hat, besteht diese Zweiteilung der Welt noch immer fort. Allerdings kann Prätorius seit Aristoteles auch Fortschritte erkennen. Sie sagt: 

„ ... jede Frau, die in einem klassischen Männerbereich tätig ist, und jeder Mann, der in einem klassischen Frauenbereich tätig ist, bringt die symbolische Zweiteilung durcheinander und damit die Welt ein bisschen in Ordnung, ganz gleich, wie genau sie oder er seine oder ihre Arbeit macht.“

 Auch eine andere Änderung ist wichtig, allerdings kaum ein Fortschritt, der die Welt „in Ordnung bringen“ könnte. Geldvermehrung ist in unserer Gesellschaft schier die wichtigste Tätigkeit überhaupt. Im Gegensatz zur Antike, wo für einen freien Mann jede ökonomische Tätigkeit unmöglich war, „verläuft die Grenze zwischen höheren symbolisch männlichen Sphären und niederen symbolisch weiblichen Sphären heute anders, nämlich durch die Wirtschaft hindurch, zwischen Markt, dem höheren Eigentlichen, und Haushalt, dem niederen Unwesentlichen.“ Hier hat sich zwar an den Rollen etwas verschoben, aber die Zweiteilung blieb erhalten. Prätorius meint sarkastisch: Das Modell des 'richtigen' Mannes kann sich ändern, vom müßigen Philosophen über den Cowboy zum cleveren Jungbanker. Gleich bleibt dabei aber die formale Entscheidung, dass es ein "höheres Männliches" gibt, an dem möglichst alle Männer sich orientieren sollen und das mit einem minder bewerteten 'Weiblichen' kontrastiert.“ 

 

Wie im Mittelalter die Menschen lernen mussten, dass die Erde keine Scheibe ist, fangen sie auch heute an, die Welt anders wahrzunehmen und zu benennen. Männer sind zu nehmend verunsichert in ihrer Identität. Begriffe wie „gewaltlose Verteidigung“ oder „emotionale Intelligenz“ werden selbstverständlich, klar abgegrenzten Sphären von Vernunft und Gefühl, öffentlich und privat oder auch höher und niedriger geraten zunehmend durcheinander. Stimmen, die von Werteverlust und „Untergang des Abendlands“ sprechen, bezeichnet Prätorius als unkreative Geister. Für sie ist dieser Umbruch der Untergang des Patriarchats. Wenn diese neue Erkenntnis wirklich bewusst wird, ändern sich auch die Symbole, sagt sie. Traditionell haben Philosophen den Menschen vom Tod her definiert. Der Tod schien für sie wie eine Befreiung aus dem engen Gefängnis der Materie. Wobei sie explizit auf den Zusammenhang der Wörter materia (Materie) und mater (Mutter) hinweist. Sie sagt: „seit einiger Zeit – und dies ist ein Indiz für das Ende des Patriarchats – entdecken nun aber Denkerinnen und Denker das Jahrhunderte lang verdrängte Geborensein der Menschen als Bestimmungsmerkmal unserer Existenz wieder.“ 

 

Der Begriff „Geborensein“ bedeutet für sie die Abhängigkeit des Säuglings, die zwar im Lauf des Lebens allmählich abnimmt, aber nie aufhört. Dem unbefangenen Zuhörer erscheint es höchst zweitrangig, ob man die menschliche Existenz von der Geburt oder vom Tod her definiert. Deshalb bekräftigt Prätorius noch mal die Wichtigkeit dieser Aussage: “Von diesem geburtlichen Verständnis unserer Existenz als Menschen her werden wir die Welt wohnlicher gestalten. Weil wir Freiheit und Bedürftigkeit nicht mehr als Gegensätze sehen, sondern als Kontinuität. Weil wir unsere Mitmenschen nicht mehr in erster Linie als einsame Konkurrenten, sondern als andere Anfängerinnen und Anfänger wahrnehmen, die noch vor wenigen Jahrzehnten Säuglinge waren und mit uns durch ein weitverzweigtes Bezugsgewebe verbunden sind. Und die wie wir angewiesen sind auf freundliche Gemeinwesen und auf einen Kosmos, der freies Atmen ermöglicht und Nahrung für alle spendet.“ 

 

Wir sind und bleiben also alle bedürftig. Und deshalb betonen alle Wirtschaftswissenschaftler wie zu den Zeiten des Aristoteles, dass die Aufgabe der Wirtschaft die Befriedigung dieser Bedürfnisse sei. Aber trotz dieser Beteuerungen kreist ihr Interesse ums Geld und um dessen Vermehrung. Nur das, der marktförmige Warentausch, gilt als die "höhere männliche freie" Sphäre. Die unbezahlte Arbeit in Privathaushalten und anderswo wird von den Ökonomen weit gehend ausgeblendet, obwohl dort mehr geleistet wird als innerhalb des Geldkreislaufs. Für sie ist das Zweitrangige, Geld und Markt, höherwertig als die eigentliche Aufgabe der Wirtschaft, die Befriedigung der realen Bedürfnisse. Seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts gibt es dazu eine starke Gegenbewegung. Ökonominnen machten Haushaltstätigkeiten zum Forschungsgegenstand, stellten den Bezug her zwischen der Trivialisierung von Haushaltstätigkeiten und globaler Frauenarmut und riefen dazu auf, sich den vermeintlichen Zwängen der Geldvermehrung zu entziehen und sich wieder auf eigene Fähigkeiten der Lebens- und Überlebenskunst zu besinnen. Das hat zwar einiges bewirkt, aber dennoch hat die Geldfixiertheit dazu geführt, dass 2008 das globale Bankensystem aus den Fugen geraten, und dass sie gegen jede liberale Wirtschaftstheorie massiv von den Staaten gestützt worden ist. Prätorius schließt daraus, „dass wir die Wirtschaft von dem geburtlichen Menschenbild, das ich gerade entfaltet habe, neu denken und organisieren müssen. Als eine Gesamtheit aus Produktions-, Tausch- und Konsumhandlungen, die Menschen füreinander – also in verantwortlicher Gegenseitigkeit – erbringen: Menschen, die gleichzeitig frei und bedürftig sind.“ Dann ist der Markt nur noch sinnvoll als Verteilinstanz von Überschüssen und nicht mehr die Mitte der Wirtschaft. 

 

So führt die ärgerliche, scheinbar so überzogen feministische Frage „Ist Gier männlich“ ganz zwanglos zu dem Fazit: 

„Die Mitte der Wirtschaft ist also das angeblich „Minderwertige": das, was in Haushalten getan wird, und in Gemeinwesen, die sich nicht marktmäßig stylen, sondern als Großhaushalte verstehen.“ Es geht nicht mehr um Gier und die Frage, was männlich und was weiblich ist, sondern um nichts weniger als um die Mitte des Wirtschaftens! 

  • Autor: Doris Rüb über einen Vortrag von Dr. Ina Prätorius

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