Diskussionsbeitrag
Essen wir unser Klima auf?
Von etwa 12 Tonnen des Treibhausgases CO2, die jeder Deutsche jährlich erzeugt, gehen eineinhalb Tonnen allein auf das Konto der Ernährung. Dabei spielt der Transport eine entscheidende Rolle. Jährlich werden in Deutschland fast vier Milliarden Tonnen Güter transportiert. Das sind pro Kopf und Tag mehr als 130 Kilogramm! Dieser Artikel von 2008 beleuchtet die Fakten und zeigt einige Alternativen auf.
Fakten (Teil 1)
Der Großteil dieser Transporte, 70 %, findet auf der Straße statt: auf Autobahnen, aber auch vermehrt auf Landstraßen. Da werden Mineralwässer aus Italien und Frankreich nach Bayern gebracht, die Butter kommt aus Irland. Milch ist im EU-Schnitt 700 km auf Achse. Erdbeeren und Spargel, die im Dezember statt im Frühjahr auf den Tisch kommen, haben bereits eine Weltreise hinter sich. Auch das Bier aus Hamburg und Holland, das es auch in Bayern billig zu kaufen gibt, wird auf der Straße befördert. Da in Marokko die Arbeitslöhne niedriger sind als bei uns, werden norddeutsche Krabben zum Puhlen in das nordafrikanische Land gekarrt und von dort aus wieder zurück zu uns. Die Backshops, die wie Pilze aus dem Boden schießen, lassen Semmeln und Brezeln in Polen, Rumänien, Bulgarien, Tunesien oder auch in Marokko herstellen. Die sogenannten Backlinge werden in den Shops dann nur noch nachgebacken. Bis ein bestimmtes Erdbeerjoghurt in unseren Einkaufswagen landet, ist es ebenfalls weit herumgekommen: die Beeren wachsen in Polen, die Etiketten werden in Bayern aus norddeutschem Papier und belgischem Leim gefertigt, Milch und Zucker stammen aus Schwaben, doch die Joghurtkulturen und die Aluminiumdeckel werden jeweils über etwa 800 Kilometer nach Stuttgart gebracht. Nach der Fertigung wird das Produkt dann noch quer durch die Republik gekarrt bevor es endlich in der Kühltheke des Supermarktes steht. Und bis es dann vom Supermarkt in den privaten Kühlschrank gefunden hat, werden weitere Kilometer gefahren: mit dem eigenen Auto. Übrigens: alle 15.000 Kilometer produziert ein Auto sein Eigengewicht an Treibhausgas Kohlendioxid (CO2): etwa 1,5 Tonnen.
Konsum und Kilometer
Deutschland importiert 60 % seines Gemüses. Kaum zu glauben aber wahr: allein der Transport von Importgemüse verbraucht dreimal soviel Energie wie der gesamte Gemüseanbau im Land. In Deutschland resultiert 13 % des emittierten Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) aus Lebensmitteltransporten. Oder anders ausgedrückt: was jährlich auf dem Teller jedes Einzelnen landet, entspricht dem Energiegegenwert von luxuriösen 1400 Litern Benzin. Ein halbwegs sparsames Auto könnte damit etwa 20.000 km fahren. Das ist knapp eine halbe Erdumrundung! Wer auf billig setzt, wird Salat bei einem Discounter kaufen. Und nicht selten stammt solch ein Salat aus China oder aus einem anderen fernen Land, wo für Billiglöhne gearbeitet wird. Solche Salate sind echte Globetrotter. Zuerst geht’s vom Ursprungsland per Schiff oder auch per Flugzeug nach Rotterdam, dort wird die Fracht auf die Lkws verteilt, die die jeweiligen Verteilerzentralen an steuern. Von dort aus wird das weit gereiste Grünzeug an die Supermärkte verteilt. Das Erstaunliche: je weiter gereist, desto billiger. Der Salat vom Gärtner nebenan ist nicht für ein paar Cent zu haben – schließlich will der Gärtner ja auch existieren. Im Fachjargon wird die Billigmethode Ökodumping genannt: der Einzelne profitiert, während die Allgemeinheit die Folgekosten (z. B. Umweltverschmutzung, Lärm) tragen muss.
Äpfel mit Apfelsinen vergleichen
Pro Kopf werden in Deutschland jährlich etwa 13 Liter Apfel- und neun Liter Orangensaft getrunken. In der EU gehandelter Orangensaft stammt zu 80% aus Brasilien und hat damit eine weite Reise zu uns zurückgelegt: etwa 12.000 km. Bei der Herstellung wird der Saft auf etwa ein Siebteil des Gewichts eingedampft. Für Lagerung und Transport wird das Konzentrat eingefroren. Im Empfängerland wird es aufgetaut und mit Wasser verdünnt. Bei der Herstellung von Orangensaft muss sehr viel Energie eingesetzt werden: 0,1 Liter Erdöl pro Liter Saft. Für die Herstellung von Apfelsaft wird nur der hundertste Teil an Energie benötigt: pro Liter Saft nur 0,001 Liter Erdöl. Im Bundesdurchschnitt ist Apfelsaft nur eine Strecke von maximal 200 km gereist.
Früchte mit Flügeln
Sogenannte Flugananas, -kiwis, -litschis, -mangos und -erdbeeren versüßen denjenigen, die bereit sind, etwas tiefer in die Tasche zu greifen, das Leben. Immer mehr Exotenfrüchte werden direkt aus der Anbauregion eingeflogen. Der Vorteil ist, dass die Früchte – anders als sonst üblich - reif geerntet werden und sofort in den Handel kommen. Der Nachteil ist, außer dem hohen Preis, die Klimabilanz. Die ist nämlich verheerend. Nur auf den Transport bezogen erzeugen ein Kilo „Flug“-Kiwis aus Neuseeland genauso viel klimaschädliche Treibhausgase wie 6800 Kilogramm heimisches Obst.
Subventionen und Steuern
Herrschte Kostengerechtigkeit, wären Lebensmittel, die per Luft oder auf der Straße zu uns kommen, unerschwinglich. Doch Subventionen und Steuergeschenke verhindern dies erfolgreich. So ist Flugbenzin noch immer von der Steuer befreit, Straßenkilometer sind subventioniert, Maut wird bislang nur auf der Autobahn und wenigen Bundesstraßen erhoben. Die Straßenabnützung zahlt die Allgemeinheit über das Steueraufkommen. Kaum vorstellbar, dass in Deutschland vor 50 Jahren ernsthaft erwogen wurde, die Autobahnen für den Lkw-Verkehr total zu sperren. Und zwar aus Kostengründen. Schließlich beschädigt ein einziger beladener 40 Tonner den Straßenbelag genau so stark wie 160.000 Pkws. Hinzu kommen die Folgekosten für Flächenverbrauch, Lärmbelastung und Schadstoffausstoß, die auch wieder von der Allgemeinheit getragen werden. Die Folgeschäden des Güterverkehrs auf Straßen werden vom Deutschen Städte- und Gemeindebund auf bis zu 20 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.
Im Bundesverkehrsministerium geht man davon aus, dass der Güterverkehr bis zum Jahr 2015 auf das 3 bis 4-fache anwachsen wird. Trotz dem besteht die EU-Kommission für Unternehmen darauf, dass in der EU der Straßenverkehr das dominieren de Transportsystem bleiben muss.
Energiebilanzen – nicht ganz einfach
Obst und Gemüse außerhalb der Saison ist entweder über weite Strecken gereist, stammt aus beheizten Treibhäusern oder lagert über Monate in Kühlhäusern. All dies ist mit erheblichem Energieaufwand und hohen Emissionen, u. a. von CO2, verbunden. Äpfel aus Deutschland, die im Frühjahr oder Sommer gekauft werden, wären ungenießbar, wären sie nicht über Monate in kontrollierter Atmosphäre gekühlt worden. Kontrolliert bedeutet, dass Temperatur, Luft feuchtigkeit, Sauerstoff- und Stickstoffgehalt stimmen müssen. Ein aufwändiger Prozess also. Frische Äpfel aus Neuseeland, die im Frühjahr oder Sommer mit dem Schiff bei uns eintreffen, haben zwar viele Kilometer zurückgelegt, trotzdem ist die Klimabilanz kaum schlechter als die des deutschen Apfels, der künstlich im Tiefschlaf gehalten wurde. Letztendlich entscheidend für die Klimabilanz ist, ob man mit dem Auto, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad zum Apfelkauf fährt. Vor allem bei kurzen Strecken ist das Auto eine schlechte Wahl: ein kaltes Auto braucht für die ersten drei Kilometer etwa einen Liter Benzin.
Klima und Konsum
Jeder Deutsche verursacht jährlich zwischen zehn und 12 Tonnen CO2. Klimaverträglich wären zwei Tonnen. Dabei fällt allein die Ernährung schon mit 1 ½ Tonnen ins Gewicht. Ganz generell lässt sich sagen: weit gereiste Lebensmittel erzeugen mehr CO2 und tragen damit zur Klimakatastrophe bei. Mehr Transport benötigt weiteren Straßenbau, damit gehen Oberflächenversiegelung, Lärm, Umwelt- und Gesundheitsschäden einher. Die Lebensqualität wird beeinträchtigt. Die Energie- und Ökobilanz der Lebensmittel wird deutlich verschlechtert. Als Auswirkung ist mit Stürmen, Starkregen, Trockenheit und Dürre zu rechnen – kurzum Extremwetterlagen werden zunehmen. Um entstandene Schäden zu reparieren werden auf die Volkswirtschaft enorme Kosten zukommen. Die hier für benötigten Mittel werden an an derer Stelle fehlen.
Alternativen (Teil 2)
Konsum und Klima, Konsumgewohnheiten und Klimaveränderung sind zwei Seiten einer Münze. Von etwa 12 Tonnen des Treibhausgases CO2, die jeder Deutsche jährlich erzeugt, gehen immerhin eineinhalb Tonnen allein auf das Konto der Ernährung. Ging die Wissenschaft bis vor kurzem noch davon aus, dass jeder Mensch jährlich zwei Tonnen CO2 produzieren darf, ohne das Klima zu schädigen, lauten die neuesten Erkenntnisse: eine Tonne – also den zwölften Teil dessen, was sich durchschnittlich jeder von uns im Moment leistet. Das heißt, um den Kindern und Enkelkindern eine halbwegs intakte Erde zu hinterlassen, müssen wir vieles radikal ändern: unter anderem unsere Konsumgewohnheiten. Und es gilt Antworten auf unbequeme Fragen zu finden.
Zum Beispiel im Bereich Ernährung:
► Zu welchen Veränderungen im Alltag bin ich bereit?
► Wo und wie kaufe ich ein?
► Woher kommen die Lebensmittel, welche Wegstrecken haben sie zurückgelegt? Wie wichtig sind für mich Erdbeeren, Spargel oder Bohnen im Winter oder Bier, das in den USA oder in Mexiko gebraut wurde?
Essen für den Klimaschutz
Du bist, was du isst – angesichts von Umweltschäden und Klimaveränderung bekommt dieser Spruch eine neue Bedeutung. Wirkt sich doch das, was wir zu uns nehmen, nicht nur auf die körperliche und seelische Gesundheit aus, sondern auch positiv oder negativ auf das Klima. Interessanterweise ist das, was gesund ist, auch gut für das Klima: nämlich viel Obst und Gemüse aus der Region und nach ökologischen Richtlinien angebaut. Nahrungsmittel aus kontrolliert biologischem Anbau produzieren von Haus aus sehr viel weniger CO2 als konventionelle Nahrungsmittel. Das hat vor allem mit dem Verzicht auf energieintensive chemische Dünger und Spritzmittel zu tun. „Eine Landwirtschaft, die auf mineralische Stickstoffdünger verzichtet, trägt viel zum Klima- und Trinkwasserschutz bei“ – so das Bayerische Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz. Kurze Wege, die zu Fuß oder mit dem Radl zurückgelegt werden, zahlen sich ebenfalls mehrfach aus: für das Klima, die eigene Gesundheit und für den Geldbeutel. Wer sich seltener an Wurst und Fleisch labt, lebt ebenfalls gesünder. Sind doch tierische Fette vor allem für degenerative Erkrankungen, speziell im Herz-Kreislauf Bereich, verantwortlich. Auch dem Klima hilft ein geringerer Fleischkonsum. Wussten Sie, dass die Kuh, auch wenn sie noch so friedfertig auf der Weide oder im Stall steht, zum Klimawandel beiträgt? Denn ein Rind stößt jeden Tag u. a. bis zu 500 Liter Methan aus – die Rinder in Deutschland geben im Jahresdurchschnitt 500.000 Tonnen Methan an die Umwelt ab. Methan ist ein Gas, das sich etwa 30 mal schädlicher auf das Klima aus wirkt, als der Klimakiller CO2. Aber auch das Schwein ist für`s Klima kein echter Glücksbringer. Um eine einzige Fleischkalorie zu erzeugen, sind etwa zehn pflanzliche Kalorien notwendig. Oder anders ausgedrückt: durch die „Veredelung“ gehen etwa 90 % der Energie verloren. Laut Bayerischem Verbraucherministerium ist die Viehhaltung für 18 % der globalen Treibhausgase verantwortlich.
Regional – erste Wahl
Der Transport von Importgemüse verbraucht dreimal so viel Energie wie der Anbau in der Region. Obst und Gemüse, am besten biologisch erzeugt, regional und gemäß Jahreszeit, helfen nicht nur Gesundheit und Klima, sondern auch Gärtnern und Bauern. So werden vor Ort Arbeitsplätze erhalten bzw. geschaffen. Bei Dingen, die es nicht in unmittelbarer Nähe gibt – z. B. Spargel - sollte ein Transportradius von 100 km möglichst nicht über schritten werden. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel, wie bereits am Beispiel Apfel dargestellt.
Das Gute liegt so nah
Die Vorteile von Direkterzeugern und Hofläden liegen auf der Hand:
► Frische, vitaminreiche Ware je nach Saison
► Wissen, woher die Ware kommt
► Erhalt der Kulturlandschaft
► Verkehrsvermeidung durch kurze Wege
► Verzicht auf aufwändige Verpackung
Übrigens, manche Agenda-Arbeitskreise bieten Listen mit lokalen Direkterzeugern an.
Mit den Bürgern für die Bürger
Direkterzeuger („Einkaufen auf dem Bauernhof“), lokale Märkte (manche Gemeinden, machen heute schon zur Bedingung, dass nur regionale Ware angeboten wird) oder Dorfläden bieten Lebensmittel aus der Gegend an. Dort einzukaufen ist ein bedeutender Schritt zur Stärkung der regionalen Wirtschaft und Vermarktung. Wichtig ist, auch dann dort einzukaufen, wenn z. B. das Gemüse im weiter entfernten Supermarkt ein paar Cent weniger kostet - zumindest auf den ersten Blick. Beim zweiten Blick, wenn Spritverbrauch, Verschleiß des Fahrzeugs und Klimabilanz in die Rechnung eingehen, schneidet ein Laden, den man leicht zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen kann, besser ab. Und auf den dritten Blick bietet z. B. der Dorfladen auch noch etwas, was man nicht kaufen kann: Miteinander, Ratsch, Leben, Kontakt.
Wintergemüse – Wintergenüsse
Bei uns gedeihen (noch) keine Orangen und Zitronen, kein Pfeffer und auch weder Kaffee noch Tee. Das heißt: in diesen Fällen gibt es zur Importware keine Alternative. Ganz anders bei Spargel, Bohnen oder Erdbeeren – um nur drei Beispiele zu nennen – die auch bei uns wachsen. Allerdings nur zu bestimmten Jahreszeiten. Im Winter legen solche Gemüse und Obst weite Strecken zurück: zuerst per Schiff oder Flugzeug, dann mit dem Lkw. Dem Klima munden solche Globetrotter gar nicht. Dabei sind viele köstliche Gemüse auch bei uns im Winter verfügbar. Hier eine Auswahl: Brunnenkresse, Chicorée, gelbe und rote Rüben und Sellerie (eingemietet), Feldsalat (jetzt im Garten), Portulak und Postelein, Kartoffeln, Kohlrüben, Weiß- und Grünkohl und Blaukraut, Wirsing, Sauerkraut, Rosenkohl (schmeckt erst nach dem ersten Frost), Pastinaken, schwarzer Winterrettich, Schwarzwurzeln, Lauch, Petersilienwurzeln, Topinambur, Kürbisse. Einige dieser regionalen Gemüse, wie beispielsweise Topinambur, sind in den letzten Jahrzehnten in Vergessenheit geraten, werden aber seit einigen Jahren von Biobauern wieder angebaut. Topinambur ist ein Knollengemüse, das wegen des Geschmacks auch Erdartischocke genannt wird. Da Topinambur den Blutzucker nicht belastet, spricht man auch von Diabetikerkartoffel. Das Delikatessgemüse enthält viele Vitamine, Mineralien und Spurenelemente: Kalium, Calcium, Phosphor, Eisen, Natrium, Silizium, die Vitamin B1, B2 und B6, Vitamin C und D und das Provitamin A. Appetit bekommen?
Topinambur-Gratin
600 g Topinambur, 250 ml Milch, 1 EL Crème fraiche, 2 EL Butter, etwas Muskat, 1 Prise Curry, 1 Prise Paprikapulver edelsüß, Salz, Pfeffer.
Topinambur waschen, schälen und in 3- 4 mm dicke Scheiben schnei den. In einen Topf geben, mit der Milch begießen und zum Kochen bringen. Mit Gewürzen abschmecken und vom Herd nehmen, Creme fraiche einrühren. Backofen auf 160 Grad vorheizen. Eine breite Auflaufform mit 1 EL Butter einfetten und die Topinambur-Masse einfüllen und flach verteilen. Restliche Butter in Flöckchen aufsetzen. Form in den vorgeheizten Backofen geben und das Gratin auf der mittleren Schiene etwa 30 Minuten garen. Dann den Backofengrill anschalten, um das Gratin etwa fünf Minuten lang zu bräunen. Guten Appetit!
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Autor: Nortrud Semmler-Otranto & Petra Brückner,
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