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Prolog
Die rasche weltweite Ausbreitung des Corona-Virus hat die Weltgemeinschaft wegen der vielen Toten in kurzer Zeit und wegen des Risikos der exponentiellen Ausbreitung geschockt und die eigene Verletzlichkeit vor Augen geführt. Die Krise macht lange Verdrängtes bewusst, verändert den Blick auf das Vorher und macht bereit für ein anderes Nachher. Das wollen wir nutzen im Sinne des Leitbildes unseres Vereins: Gesunde Menschen brauchen einen gesunden Planeten. Deshalb haben wir zehn Thesen für eine breite gesellschaftliche und politische Diskussion formuliert.
10 Thesen
These 1: Die Krise für Aufbruch und Umbruch nutzen
Das Spielfeld ist offen, viele haben erkannt, dass unsere Gesellschaftssysteme verbesserungswürdig sind. Es gibt ein psychologisches und soziales Zeitfenster des Wandels, das es zu nutzen gilt. Bei der Wiedervereinigung in den 1990er Jahren und bei der Finanzkrise 2008 wurde vieles so lange hinausgezögert, dass die gesellschaftliche Transformationsbereitschaft erschlaffte und wesentliche Systemänderungen unter-blieben. Es gibt keinen besseren Einstiegszeitpunkt in die große Transformation, also in die Veränderung zu einer nachhaltigen Gesellschaft, als jetzt.
These 2: Globalisierung achtsam gestalten
Die Globalisierung hat die rapide Ausbreitung des Virus begünstigt. Wir brauchen in manchen Bereichen eine De-Globalisierung, um schützende Grenzen zu stärken und fragile Lieferketten abzubauen – weg von der Just-in-time-Produktion, hin zur Achtsamkeit für regionale Potenziale und Wertschöpfungsketten. Statt Mobilität mit Subventionen zu fördern, sollte eine „Kostenwahrheit“ angestrebt werden, die externe Kosten konsequent internalisiert (z. B. im Flugverkehr). Auch vor der Gefahr, dass Finanzspekulanten die Krise ausnutzen, müssen wir uns mit neuen Grenzen und Regeln schützen. Zugleich brauchen wir in manchen Bereichen ein Mehr an Globalisierung: in Form von internationaler Kooperation, weil wir alle in einem Boot sitzen und keine Nation für sich allein die großen Probleme lösen kann.
These 3: Den Staat als Zukunftsagentur ausbauen
Viele Staaten bewähren sich derzeit als wichtige und unverzichtbare Krisenmanager. Der Markt allein kann schwer kalkulierbare Risiken und Kosten, die erst in ferner Zukunft anfallen, nicht hinreichend in die Produkte einpreisen. Über Steuern, Einzahlungspflichten in Vorsorgefonds etc. kann der Staat hier lenken, damit Preise ökologisch und sozial ehrlich werden. Zudem braucht es klare normative Regelungen, die die Wende zu nachhaltigem Wirtschaften und nachhaltigen Lebensstilen unterstützen. Ein starker, gemein-wohlorientierter Staat ist unverzichtbar für einen gerechten Ausgleich von Interessen und für eine Bewältigung der enormen Schulden, die sich in der Corona-Krise anhäufen. Das Zusammenspiel von Staat, Markt, Zivilgesellschaft und internationaler Gemeinschaft sollte neu austariert werden, wofür es in der Corona-Krise ja auch positive Lernerfahrungen gibt.
These 4: In der Krise mit langfristiger Perspektive planen
Die Krise bezüglich des Weltklimas besitzt ein wesentlich größeres Zerstörungs- und Tötungspotenzial für die Menschheit als die Corona-Krise. Die Bedrohung durch Klimaveränderungen ist gewaltig, aber eben zeitversetzt und deshalb weniger im Blick der jetzt Lebenden und jetzt Entscheidenden. Noch mehr Menschen sterben schon jetzt durch Mangelernährung. Ein Neustart darf sich deshalb nicht nur auf Fragen rund um Corona, das Gesundheitssystem und den wirtschaftlichen Wiederaufbau konzentrieren. Er sollte vielmehr auch unsere Verletzlichkeit hinsichtlich der Klimaänderung einbeziehen, die direkte Auswirkungen auf die Welternährung haben wird. Was die Reduktion von Klimagasen, den Umbau der Mobilität, den Ausbau der Digitalisierung und die Tiefe der gesellschaftlichen Transformation angeht, so bietet die Corona-Krise ein Lernlabor für Nachhaltigkeit, das es zu nutzen gilt. Der Schwung kann für einen Umbau der Wirtschaft genutzt werden – hin zu einer postfossilen Bio-Ökonomie. Der „Green Deal“ der EU ist eine Chance für den Neuaufbruch nach bzw. in der Krise und darf nicht der absehbaren Finanzknappheit geopfert werden.
These 5: Natur nutzen und Natur schützen
Das Corona-Virus ist möglicherweise von illegal gefangenen und verkauften Wildtieren auf den Menschen übergesprungen. Zur Transformation in eine nachhaltige Zukunft gehört auch der Schutz der Natur, ihrer Ressourcen und Funktionen, vor allem auch die Erhaltung der das menschliche Leben fördernden Artenvielfalt. Aber durch menschliches Wirken droht ein sechstes großes Artensterben in der Erdgeschichte. Daher muss die unverzichtbare menschliche Naturnutzung viel wirksamer mit Naturerhaltung verknüpft werden. Dies erfordert die Verminderung von Nutzungsansprüchen und -intensitäten, aber auch die Erhaltung, Pflege oder Neuschaffung von Biotopen oder von der Wildnis überlassenen Schutzgebieten, die Arten als Lebensstätten benötigen. Zugleich muss der Entstehung und Ausbreitung von Mikroorganismen und Viren, die Epidemien auslösen können, eine beständigere wissenschaftliche Aufmerksamkeit wie auch eine stärkere Vorsorge gewidmet werden.
These 6: Neu über Werte nachdenken
Gerade jetzt ist die Diskussion über Werte angebracht, die in der Zeit des radikalen Wandels als Kompass dienen können. Was ist wichtig für ein gelingendes Leben? Wie wichtig ist Gesundheit? Welchen Preis sind wir dafür bereit zu bezahlen? Wie können wir zugleich Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit gewährleisten? Demokratie, Freiheitlichkeit und Gerechtigkeit müssen sich in den uns bevorstehenden radikalen Umbruchprozessen neu bewähren. Sauberes Wasser, reine Luft, eine intakte Natur um uns herum: was ist uns das wert? Wie wichtig ist uns Zeit für die Familie, für den/die Partner*in, die Kinder oder die älteren Menschen? Oft sind die scheinbar kleinen Dinge entscheidend für das Lebensglück. Das social distancing in der Corona-Krise sollte kompensiert werden durch mehr Solidarität und Aufmerksamkeit füreinander, besonders für die ohnehin ausgegrenzten und besonders verletzlichen Menschen.
These 7: Öffentliche Güter schützen
Zu den öffentlichen Gütern gehören sauberes Trinkwasser, saubere Luft ohne belastende Strahlungen, fruchtbare Böden, intakte Weltmeere, gesunde Wälder und ein moderates Klima sowie – wie wir jetzt überdeutlich erfahren– auch die Gesundheit der Bevölkerung. Der freie Markt allein kann diese öffentlichen Güter nicht hinreichend sicherstellen, zumindest nicht für einen angemessenen Preis. Hier ist auch und vor allem der Staat in der Pflicht, indem er geeignete Normen definiert und angemessene Ressourcen zur Verfügung stellt. Die internationale Staatengemeinschaft sollte „planetare Leitplanken“ zum Schutz der öffentlichen Güter definieren und durchsetzen. Denn das ist eine Existenzfrage der gegenwärtigen Zivilisation. Flankierend sollte das Bewusstsein für den Wert öffentlicher Güter in der Bevölkerung gestärkt werden, was mit entsprechenden Bildungsmaßnahmen zu fördern ist.
These 8: Wissen und Wissenschaft wertschätzen
In der Corona-Krise wird die Wissenschaft intensiv befragt. Meist sind es Virologen und Epidemiologen, die medizinische Auskünfte geben. Aber auch Wirtschaftswissenschaftler, Pädagogen und Staatsrechtler äußern sich. Häufig widersprechen sich die Fachmeinungen bezüglich zu treffender Maßnahmen. Die Politik muss Tag für Tag neu abwägen, zuvor aber möglichst umfassend die relevanten Wissenschaftszweige hören und berücksichtigen. Dies muss künftig verstärkt auch für die Klima- und Biodiversitätskrise sowie weitere globale Herausforderungen gelten. Die Bewältigung der prekären Gerechtigkeitskonflikte braucht ein sensibles Zusammenspiel von Wissenschaft, Bildung, Öffentlichkeit und Politik. Auch die Kreativität und aktive Mitgestaltung von Kindern und Jugendlichen ist Teil und Motor für eine nachhaltige Transformation unserer Gesellschaft.
These 9: Resilienz erhöhen
Unser System ist vielfach verwundbar, wie wir während der Corona-Krise schmerzlich erfahren. Es gilt, in vielen Bereichen die Resilienz, also die Robustheit und dynamische Anpassungsfähigkeit im Umgang mit Krisen, zu erhöhen. Das kann durch angemessene Vorratsbildungen geschehen, durch verkürzte Lieferketten, durch die Vielfalt der Anbieter, durch Notfallpläne und verbessertes Controlling. Alle Bereiche von Verkehr bis Gesundheit, von Schule bis Ernährung sollten neu durchdacht und transparent diskutiert werden. Der entscheidende Maßstab für Fortschritt wird in Zukunft die Robustheit im Umgang mit Krisen sein: Durch Vorsorge, soziale Immunsysteme, wirtschaftliche Vielfalt, ökologische Stabilität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Angesichts der fortlaufenden kollektiven Lernprozesse während dieser und früherer Pandemien ist auch eine lebendige Erinnerungskultur vonnöten, die neue Resilienz aufbauen kann. Wenn man „systemrelevante“ Bereiche des gesellschaftlichen Lebens definiert, darf die Kultur nicht vernachlässigt werden. Auch die Verbesserung der individuellen Widerstandsfähigkeit durch vernünftige Ernährung, Bewegung und Entspannung muss Teil der Systemresilienz sein.
These 10: Neues Wohlstandsmodell wagen
Unser Wirtschaftssystem beruht auf der Mehrung von Wohlstand durch Wachstum und Konsum, gemessen am BIP (Bruttoinlandsprodukt). Wenn wir unseren Wohlstand erhalten bzw. eine andere Art von Wohlstand schaffen wollen, brauchen wir neue Lebensstile. Nämlich solche, die weniger Natur verbrauchen, weniger gesundheitliche Risiken verbreiten, die die Abwehrkräfte stärken und deren Spätfolgen weniger die Zukunft kolonisieren. Statt der Rhetorik des „Wieder-Hochfahrens“ nach der Krise bedürfen Wirtschaft und Gesellschaft einer ernsthaften Neujustierung. Man sollte die Weichen dafür jetzt stellen, indem man Kredite an ökologische und soziale Kriterien knüpft. Der eng auf ökonomische Effizienz fokussierte Leitindex des BIP ist nicht nur überholt, sondern schädlich. Wir brauchen ein akzeptiertes Bündel von Wohlstandsindikatoren, die Widerstandsfähigkeit, ökologische Qualität, Bildungsniveau, Rechtsstaatlichkeit, Bürgerbeteiligung und langfristige Wirtschaftlichkeit messen. Die Corona-Krise war und ist eine Chance der Besinnung auf einen entschleunigten Umgang mit der Zeit und auf das, was wirklich wichtig ist. Dies bedarf eines breiten gesellschaftlichen Diskurses aller Generationen, der jetzt beginnen sollte.
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